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Die Tat

Oppenheim, Mitte März 1945
Unmittelbar vor Ende des 2. Weltkrieges, etwa Mitte März 1945, gab es für die Deutsche Wehrmacht die Alarmstufe II. In Oppenheim wurde zu dieser Zeit ein Gefechtsstand eingerichtet. Kampfkommandant dieser Einrichtung war Hauptmann Hanske. Er erhielt auch die Befehlsgewalt über die Wehrmachtsverbände und den Volkssturm. Gleichzeitig war an der Fähre zum Kornsand eine Auffangstelle eingerichtet. Militär- und Zivilpersonen durften nur noch mit Genehmigung dieser Dienststelle über den Rhein setzen. Zu seinem Stab gehörten auch die Leutnante Kaiser, Wesemann und Funk. Funk hatte den Befehl, neu zugeführte sowie zurückweichende Soldaten zu sammeln und den am Brückenkopf am Kornsand eingesetzten Einheiten zuzuordnen.

17. März 1945: der Haftbefehl
Am 17. März 1945 mußte auf Befehl von Hauptmann Hanske ein Arbeitskommando, ausschließlich aus politischen Gegnern der Nationalsozialisten, zusammengestellt   werden. Diese sollten für   Schanzarbeiten auf der rechten Rheinseite eingesetzt werden. In einem entsprechenden schriftlichen Befehl waren folgende Personen namentlich benannt: Johann Eller, Cerry Eller, Georg Eberhardt, Jakob Schuch, Nikolaus Lerch, Ludwig Ebling, Andreas Licht, Philipp Spieß. Cerry (Caroline) Eller wurde von den Nationalsozialisten als Jüdin eingestuft. Nach ihrer Hochzeit mit Johann Eller war sie zum evangelischen Glauben konvertiert. Die fünf Kinder waren evangelisch getauft.

Der NSDAP-Ortsgruppenleiter von Nierstein, Georg Ludwig Bittel, erhielt den entsprechenden Befehl und eine Namensliste sowie den Auftrag, weitere missliebige Personen ausfindig zu machen. Bittel eröffnete Bürgermeister Strub, Gemeindesekretär Lerch und dem stellvertretenden Ortsgruppenleiter Lobmüller, bei einer Einschließung des Ortes die "unruhigen Elemente" aus Sicherheitsgründen über den Rhein zu schaffen. Gleichzeitig soll er sich noch für weitere Verhaftungen für einen Arbeitseinsatz auf der rechten Rheinseite ausgesprochen haben. Bittel prüfte - offenbar zur Feststellung der genauen Anschriften der zu Verhaftenden - ein entsprechendes Adressbuch. Als die anderen sich gegen diese Maßnahme aussprachen, ließ Bittel von diesem Thema.

18. März 1945: die Verhaftung
Am Nachmittag des 18. März 1945   wurde Johann Eller, Cerry Eller, Georg Eberhardt, Jakob Schuch, Nikolaus Lerch und Ludwig Ebling von Sonderkommandos verhaftet und zur Bürgermeisterei gebracht. Als Andreas Licht verhaftet werden sollte, erwirkte sein Sohn Hans über Dr. Zimmermann, der für das Sanitätswesen in Nierstein zuständig war, bei dem Kampfkommandanten eine Haftverschonung. Auch Philipp Spieß konnte offensichtlich rechtzeitig gewarnt werden und entging so seiner Verhaftung.

Gegen 18.00 Uhr wurden die anderen Verhafteten durch acht bewaffnete Angehörige einer politischen Staffel zur Fähre und über den Rhein gebracht. Mit Militärlastwagen wurden die Niersteiner und die Bewacher nach Wolfskehlen gefahren. Von hier aus ging es zu Fuß nach Groß-Gerau. Dort erfolgte eine Überstellung an die Kreisleitung. Da man sich mit den Verhafteten nicht befassen wollte, schob man sie zur Polizeiwache Groß-Gerau ab. Hier wurde ihnen auf entsprechende Fragen geantwortet, dass sie, da sie Kommunisten seien, jetzt Polizeigefangene wären. In zwei Zellen untergebracht, blieben sie bis zum 20. März 1945.

Unter bewaffneter Aufsicht ging es zu Fuß von Groß-Gerau nach Darmstadt. Sie wurden   an die Gestapo überstellt, vernommen in ein Gefängnis   gebracht, wo sie die Nacht verbringen mußten. Der vernehmende Beamte zuvor erklärte, sie wären wegen Aufwiegelei verhaftet.

21. März 1945: die Freilassung
Am Morgen des 21. März 1945 wurden die Verhafteten mit der Bemerkung "ihr seid frei und könnt nach Hause zu euren Familien gehen" wieder entlassen. Ein Entlassungsschein wurde nicht ausgestellt.

21. März 1945: am Kornsand
An diesem Morgen kam Hauptmann Hanske auf den Kornsand. Bei einer dort durchgeführten Besprechung mit den Offizieren seines Stabes erhält Leutnant Funk von ihm den Befehl, den Fährbetrieb über den Rhein zu leiten. Funk wurde auch befohlen, die Fähre beim Anrücken des Feindes zu sprengen. Außerdem wurde er auf die Annäherung freigelassener Personen aus Nierstein informiert. Ausdrücklich sollte er diese auf keinen Fall auf die andere Uferseite lassen. Später traf Funk Leutnant Kaiser dem er mitteilte, dass er die angekündigten Niersteiner kenne und diesen aufgrund ihres früheren politischen Agierens alles zutraue.

Funke traf gleichfalls auf Leutnant Alfred Schniering. Dieser hatte ursprünglich als Mitarbeiter des Reichsverteidigungskommissars West in Frankfurt politische Staffeln aus Amtsleitern der Partei und ihrer Gliederungen zusammengestellt. Schniering kam Mitte März in Oppenheim an und wollte sich Hauptmann Hanske unterstellen. Dieser lehnte dies jedoch ab, da Schniering nicht mehr im Wehrverhältnis stand. Er verwies ihn an den Bataillonsführer des Oppenheimer Volkssturms. Schniering übernahm deshalb am 20. März 1945 die Ortsgruppe Oppenheim. Seinen Volkssturmleuten teilte er mit, er sei der Stellvertreter des Gauleiters und führe das Kommando auf dem Kornsand. Er sei der letzte Mann in brauner Uniform und habe das Standrecht.

Etwa sechs Kilometer vor dem Kornsand wurden die Niersteiner von Georg Ludwig Bittel, der mit einem Offizier in seinem Fahrzeug, von Goddelau kam, überholt. Er sah die Freigelassenen, hielt aber nicht an. Ihm erzählte er die Hintergründe über die Niersteiner. Der Soldat gab   Bittel den Auftrag, den Kampfkommandanten Hanske und Leutnant Funk über die bevorstehende Ankunft der Gruppe zu unterrichten. Bittel brauchte diesen Auftrag allerdings nicht auszuführen. Der Offizier tat dies doch selber.

21. März 1945: Eintreffen der Freigelassenen am Kornsand
Gegen 11.00 Uhr trafen die freigelassenen Niersteiner Bürger erschöpft auf dem Kornsand ein. Sie hatten für ihren Rückweg von Darmstadt zuerst die Straßenbahn bis Griesheim benutzt. Zwei andere kürzere Teilstrecken wurden sie von vorbeikommenden Fahrzeugen mitgenommen. Den längsten Teil der Strecke mußten sie jedoch laufen. Cerry Eller konnte sich deshalb kaum noch weiter bewegen, sie hatte sich die Füße wund gelaufen.

An der Fähre erfuhr die Gruppe, dass der Fährbetrieb ausschließlich nur für militärische Aufgaben gedacht war. Sie versuchten mit einem in der Nähe liegenden Nachen über den Rhein zu setzen. Leutnant Kaiser hatte hierzu schon die Erlaubnis gegeben. Leutnant Funk, der hinzuzutrat, wies Kaiser allerdings darauf hin, dass diese Leute "die größten politischen Verbrecher von Nierstein" seien. Sie mußten deshalb den Nachen verlassen. Sie gingen erneut auf die Fähre, um vielleicht doch noch überzusetzen zu können. Funk ging mit in Richtung Fähre. Dabei kam es zu einem kurzen Gespräch zwischen Funk und Schuch. Dieser fragte Funk, ob die Fähre denn nicht mehr fahre. Funk antwortete, er wisse es nicht.

Ludwig Ebling aus der Gruppe erhielt von einem Martin Markloff aus Nierstein dessen SA-Ausweis und machte sich auf der dem Oppenheimer Ufer zugekehrten Seite der Fähre hinter dem Wetterhäuschen zu schaffen, während die übrigen Personen in dem Häuschen selbst Schutz suchten.

Funk wies Schniering erneut auf die Gruppe hin und sagte, dass er die Personen auf keinen Fall übersetzen werde. Er betitelte die Gruppe als "unsere größten Stromer".


21. März 1945: die erneute Verhaftung
Die Fähre wurde an diesem Tag auch von einem Soldaten gefahren. Dieser wollte die Niersteiner an das andere Rheinufer bringen.   Leutnant Funk rief in Richtung des Oberfeldwebels und Schniering "Die dürfen nicht hinüber, das sind Kommunisten, wenn die rüber kommen, bringen sie unsere Eltern um, ich bin selbst von Nierstein". Schniering reagierte sofort mit den Worten: "Raus, die werden erschossen!".

Schniering gab einigen Volkssturmmännern noch den Befehl, die Männer zu verhaften.

Johann Eller, Georg Eberhardt, Jakob Schuch und Nikolaus Lerch wurden deshalb erneut in Haft genommen und in die Wirtschaft Wehner gebracht.   Auch Cerry Eller wurde später ebenfalls in diese Wirtschaft gebracht. Ludwig Ebling wurde Gott sei Dank übersehen und konnte später mit der Fähre zum anderen Rheinufer gelangen.
Schniering verhörte die "Verhafteten", nahm ihnen die persönlichen Gegenstände ab und erklärte, sie würden erschossen. Er hielt ihnen vor, sie hätten "gesessen" und seien zudem Kommunisten. Einwände und Hinweise der Verhafteten, dass sie von der Gestapo in Darmstadt in ihren Heimatort entlassen wurden, fanden kein Gehör.

21. März 1945: Die Verhaftung von Rudolf Gruber

Kurz nach dem Verhör traf Schniering auf den Volkssturmmann Rudolf Gruber aus Oppenheim. Dieser war am gleichen Morgen mit seinem Trupp in der Nähe in Stellung gegangen. Gruber, der natürlich keinen   Urlaubsschein hatte, gab an, seinen von ihm in einem Gasthof   vergessenen Rucksack von der anderen Rheinseite holen zu wollen.   Schniering erklärte Gruber, dass er Fahnenflucht begehe habe und er deswegen erschossen wird. Auch er wurde zu den Niersteinern auf den Hof der Wirtschaft gebracht. Schniering beauftragte nun den Volkssturmmann Jertz, die Richtigkeit der Angaben Grubers zu prüfen. Er wiederum   teilte zu einem späteren Zeitpunkt Schniering mit, dass tatsächlich bei einem   Oppenheimer Gastwirt drei Rucksäcke gelegen hätten, aber in der Zwischenzeit weg waren. Schniering erklärte Jertz, Gruber habe ihm zwischenzeitlich die Fahnenflucht eingestanden.

Schniering unterhielt sich umgehend mit Kaiser über die Exekution der Opfer. Nachdem Kaiser die Wirtschaft verlassen hatte und Schniering einige Zeit sitzend an einem   Tisch geschlafen hatte, verlangte jetzt nach Spaten. Dann versuchte er vergeblich, Leute des Volkssturms und Männer einer politischen Staffel zu überreden, die Erschießung   durchzuführen.

Gegen 14.00 Uhr gab Schniering den Befehl, die Opfer in die etwa 800 Meter entfernte Stellung eines 3,7cm Flakzuges zu bringen.   An einem Ort, ca. 100 Meter östlich dieser Flakstellung, mussten die Gefangenen aus Nierstein und der Gefangene aus Oppenheim unter Bewachung ihre Gräber ausschaufeln. Nach Beendigung dieser Arbeit wies Schnierung den vorher mit der Bewachung beauftragten Volkssturmmann an, die Opfer zu erschießen. Dieser lehnte jedoch ab. Deshalb gingen sie zurück zur Flakstellung. Nun waren die Gefangenen für einige Minuten unbewacht. Schniering wies den Flakzugführer Ertl an, seine Einheit antreten zu lassen. Diese und der zur Bewachung des Geschützes zurückgebliebene Soldat weigerten sich ebenfalls, die Exekution durchzuführen.

Auch Leutnant Kaiser und Leutnant Wesemann waren zu diesem Zeitpunkt bei Schniering. Diese berieten die Situation. Auch Wesemann lehnte es ab, eine Erschießung persönlich vorzunehmen.

Flakstellung Kornsand, Luftaufnahme vom 23. März 1945
21. März 1945: die Ermordung

Am   21. März 1945, einem sonnigen Mittwoch, erklärte Kaiser sich dann bereit, die Erschießung durchzuführen. Er ging allein zu den an den Gräbern stehenden Gefangenen und tötete sie durch Genickschuß. Bevor er Cerry Eller erschoß, gestattete er ihr noch einen letzten Blick über den Rhein zu ihrem Heimatort Nierstein.

Russischen Hilfswilligen des Flakzuges mussten die Gräber dann zuschaufeln.

21. März 1945: die Kapitulation von Oppenheim/Nierstein
Am gleichen Tag wurde am Kornsand die Fähre gesprengt.

Die Bewohner von Nierstein hißten auf dem Kirchturm die weiße Fahne. Auf Befehl von   Schniering beschoß die deutsche Flak den Ort. Kurz danach fahren amerikanische Infanteristen durch das Oppenheimer Gautor.

Wie sich später herausstellte, wurden vor ihrer Ermordung Johann Eller, Jakob Schuch und Nikolaus Lerch körperlich mißhandelt.


Inschrift auf dem Gedenkstein am Kornsand:

21. März 1945
Im Anblick ihrer Heimat
wurden hier schuldlos erschossen:

Eberhardt, Georg aus Nierstein
Eller, Cerry aus Nierstein
Eller, Johann aus  Nierstein
Lerch, Nikolaus aus Nierstein
Schuch, Jakob aus Nierstein
Gruber, Rudolf aus Oppenheim

Den Toten zum Gedächtnis!
Den Lebenden zur Mahnung!
Damit, was hier geschah,
sich nie wiederhole.



 
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