Wie wird aus
einer Zuckerrübe feiner Zucker? Wie viele Rüben braucht man für ein Kilogramm Zucker?
Zucker ist Kohlenhydrat und Energielieferant.
Hergestellt wurde er in der
Zuckerfabrik in Groß-Gerau. Das Werk war der größte
Zuckerproduzent Hessens. Es wurde 1883 von dem Rübenzuckerfachmann
Bergsträßer und dem Landwirt Anton Schudt gegründet.
1884 wurden hier 32.500 Tonnen Zuckerrüben verarbeitet. Sie
gehört zur 1926 gegründeten Südzucker AG, einem
Zusammenschluss der süddeutschen Zuckerfabriken. Sie
ist der größte Zuckererzeuger in Europa mit über
50 Niederlassungen.
In der Zuckerfabrik Groß-Gerau wurden während der Erntezeit
der Zuckerrüben, von Ende September bis Ende Dezember, ca.
9.200 Tonnen Rüben pro Tag im 24-Stunden-Betrieb verarbeitet.
Die Anlieferung pro Tag lag bei 12.000 Tonnen. Die Bevorratung
an Rüben im Werk betrug
maximal
3 – 4 Tageskapazitäten,
um Schwankungen bei der Anlieferung ausgleichen zu können.
Insgesamt wurden ca. 826.000 Tonnen pro Jahr verarbeitet. In der
Kampagne waren ca. 160 Mitarbeiter im Einsatz, in der übrigen
Zeit ca. 130. Pro Tag wurden ca. 1.400 Tonnen Zucker gewonnen.
In den Silos konnten bis zu 93.000 Tonnen Zucker gelagert
werden.
Sieben Kilogramm Rüben werden benötigt um ein
Kilogramm Zucker zu gewinnen. Es dauert ungefähr 10 Stunden bis aus
der Rübe Zucker geworden ist.
Der Zuckergehalt einer Rübe
beträgt ca. 17 %. Zucker ist Bestandteil vieler Pflanzen und
entsteht in der Pflanze durch Fotosynthese im Zusammenspiel zwischen
Wasser, Kohlensäure, Chlorophyll und dem Sonnenlicht.
Eine Zuckerrübe wiegt zwischen 700 und 1200 Gramm.
Sie gehört zur Familie der Fuchsschwanzgewächse und gedeiht am besten in humosen Lehm- und Lössböden.
Die Zuckergewinnung in der Zuckerfabrik beginnt mit der Entnahme von
Proben der vorgereinigt angelieferten Rüben. Hierbei wird
u.a. der Zuckergehalt bestimmt. Danach werden die Rüben mit
Hilfe eines Wasserstrahls entladen, gewaschen, zu Schnitzeln zerkleinert
und in einem Brühtrog vorgewärmt. In dem 70 Grad heißen
Wasser werden die Zellwände durchlässig und der Zucker
aus den Rübenzellen gewaschen. Der entstandene Rohsaft wird
durch Trennung von Zucker- und Nichtzuckerstoffen gereinigt. Dafür
wird er mit Kalkmilch versetzt. Durch Einleiten von kohlesäurehaltigem
Kalkofengas wird der Kalk zusammen mit den pflanzlichen Nichtzuckerstoffen
wieder ausfiltriert
und über Eindick- und Pressfilter abgetrennt.
Der jetzt klare Dünnsaft hat einen Zuckergehalt von ca. 16 %.
In mehrstufigen Verdampfstationen erfolgt eine Eindickung.
Der so gewonnene goldbraune Dicksaft weist ca. 67 % Zuckergehalt
bei einem Trockensubstanzgehalt von 70 – 75 % auf.
Der Dicksaft wird im Zuckerhaus in den Kochapparaten mit 80 Tonnen Fassungsvermögen weiter eingedickt. Dabei bilden sich die Zuckerkristalle. 40 Tonnen sind es am Ende des Kristallisationsprozesses. Die goldgelben Kristalle sind noch mit Sirup überzogen,
der durch
Zentrifugieren abgetrennt und
durch Bedüsung mit heißem Wasser und Dampf abgespült wird. Der Sirup wird in großen Behältern aufgefangen und erneut einer Kristallisation zugeführt. Dieser Vorgang wiederholt sich noch
zweimal. Die dabei gewonnenen Kristalle werden aber aufgelöst, der Saft wird filtriert und erneut kristallisiert. Das Endprodukt ist die Raffinade, weißer Kristallzucker.
Der Sirup der letzten Verkochung ist die Melasse, ein wertvolles Futtermittel.
Das mit der Rübe angefallene Wasser wird zum Schwemmen und Waschen eingesetzt und nach Abtrennung der Erde dafür wieder verwendet.
Der Überschuss wird durch den biologischen Abbau organischer Stoffe aufbereitet und im gereinigten Zustand in einen Vorfluter gegeben.
Die extrahierten Rübenschnitzel werden nach mechanischer Abpressung getrocknet, gepresst (pelletiert) und zur Viehfütterung verwendet. Der bei der Trennung von Zucker- und Nichtzuckerstoffen gewonnene Carbonkalk wird als Düngekalk verwertet.
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Die Grundlage für die Zuckergewinnung in der Zuckerfabrik Groß-Gerau schafften etwa 2.000
Landwirte, die auf ca. 14.000 Hektar Zuckerrüben für
das Werk in Groß-Gerau anbauten. Das Einzugsgebiet reichte
im Norden bis zur Lahn, im Süden fast bis zur Landesgrenze,
im Osten bis Hanau und Aschaffenburg und im Westen bis hinter
Wiesbaden und Mainz. Der Ertrag lag bei etwa 65 Tonnen pro Hektar.
Die Anlieferung der Zuckerrüben stellte eine logistische Herauforderung
dar. Ziel war es, durch entsprechende Regelungen mit Landwirten
und Transportunternehmen die Verkehrsprobleme auf ein Minimum
zu reduzieren. An Sonn- und Feiertagen erfolgten keine Anlieferungen.
Übrigens: in Ostindien wurde um 300 n. Chr. erstmals aus
Zuckerrohr Sirup gewonnen. Erst während der Kreuzzüge
kam um 1100 der Zucker als Luxusgut ins Abendland. Diesen Status
verlor der Zucker erst, als der Berliner Naturwissenschaftler
Andreas Sigismund Marggraf im Jahre 1747 mit der Runkelrübe
aufgrund der Pflanzensäfte die Zuckerrübe „entdeckte“.
Die erste Zuckerfabrik entstand 1801 im schlesischen Cunern nach
technischen Vorgaben von Franz Carl Achard. Dadurch wurde das
Luxusgut zum Lebensmittel für alle.
Die größten Produzenten von Zuckerrüben in der EU 2004:
Frankreich mit 29,4
Millionen Tonnen
Deutschland mit 27,2 Millionen Tonnen
Daten, Zahlen, Fakten:
Zahl der Zuckerrübenanbauer:
2005: 1936,
2006: 1803
Ackerfläche pro Betrieb:
2005: 26 Hektar, 2006: 28 Hektar
Rübenanbaufläche je Betrieb:
2005: 7 Hektar, 2006: 6,5 Hektar
Verarbeitete Zuckerrüben:
2005: 822 600 Tonnen
2006: 705 000 Tonnen
Zuckerproduktion:
2005: 132 210 Tonnen
2006: 108 500
Tonnen
Schließung der Zuckerfabrik
Mit Ende der Kampagne 2007 und der Verarbeitung der Ernte wird das Werk in Groß-Gerau (und in Regensburg) im Februar 2008 geschlossen. Damit reagiert die Südzucker AG auf Forderungen der Europäischen Union, die mit Änderung der Zuckermarktordnung die Zuckerproduktion drosselte und den Garantiepreis für die Zuckerrübenanbauer um etwa ein Drittel gekürzt hatte.
Für die 110 Mitarbeiter in Groß-Gerau wurde ein Sozialplan erstellt.
Dieser sieht u.a. vor, dass
etwa 50 Mitarbeiter ins rheinland-pfälzische Offstein wechseln. Weiteren Mitarbeitern wird eine Altersteilzeit angeboten bzw. sie können zu einer
Transfergesellschaft wechseln. Hier sollen sie bis Ende 2009 zusätzlich qualifiziert und in die Lage versetzt werden, sich neue Arbeitsstellen in der Region zu suchen.
Den Landwirten, die aus den Regionen Wetterau, dem Hessischen Ried, Rheinhessen und Unterfranken die Zuckerrüben anliefern, sollen für den Verzicht auf den Anbau nach einem Prämiensystem entlohnt werden oder künftig nach Wabern (Nordhessen) oder nach Offstein (Rheinland-Pfalz) liefern.
Fünf Mitarbeiter sollen in Groß-Gerau unbefristet beschäftigt bleiben.
Trotz der Demontage und vorgesehenem Rückbau des Werkes, das die Europäische Union (EU) der Südzucker AG mit rund 150 Millionen Euro (für die Werke in Groß-Gerau und
Regensburg
) "belohnen" soll, sei geplant, in Groß-Gerau die beiden Silos, die Pellethalle sowie die Ein- und Ausgangswaage zu erhalten und als Lager zu nutzen.
Luftbildaufnahme: Südzucker AG
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